Emotionales Sprechen: Warum wir das Potenzial nicht nutzen

Verfasst von am Jun 27, 2017 in Allgemein | Keine Kommentare

Wer kennt das nicht: Man sitzt im Zuschauerraum und bereits nach wenigen Minuten fällt es schwer, dem Vortrag zu folgen. Ein monotoner Tonfall lässt uns schnell aussteigen – aber wieso sehen wir uns immer wieder mit diesem Vortragsstil konfrontiert? Offenbar hegen viele eine tiefe Abneigung gegen emotionales Sprechen, insbesondere in der Arbeitswelt. Dabei umfasst emotionales Sprechen viel mehr als bloße Klischees. Doch wie setzen wir unsere Sprache sinnvoll ein?

Emotionales Sprechen in Unternehmen wird abgelehnt

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Emotionales Sprechen verbinden wir häufig mit Klischees. Warum diese Sichtweise falsch ist. (Bild: © Joshua Fuller | stocksnap.io, CC0)

Sprechen und Emotion, ein „delikates“ Thema: Meine Kunden aus Mittelständischen Unternehmen, Großkonzernen oder Banken wünschen eine lebendige und starke Sprache – aber bitte möglichst ohne Emotionen. Sachlich, gefühlsneutral sollen die innere Haltung und das gesprochene Wort sein.

Noch immer geistert der gefährliche Ruf der Gefühle durch die Corporate World, denn Gefühle machen sichtbar. Aber bitte nur der starke, eindrucksvolle Teil der Persönlichkeit soll sicht- und hörbar sein. Wer will sich schon verletzbar zeigen? Denn Gefühle betrachtet man pauschal als schwach. Emotionales Sprechen verbindet man mit einer Reihe von Vorurteilen.

Emotionalität: Typisch weiblich?

Ich glaube das Wort Gefühl bzw. Emotion wird hier einerseits falsch respektive einseitig verstanden. Denn reden wir umgangssprachlich von Gefühlen, so werden gern Gespenster gemalt von Angst, Traurigkeit oder Glück. Sie scheinen zu intim um sie zu zeigen.

Andererseits will keiner pathetisch wirken oder als ein Gefühlsduseliger dastehen, der sonst nichts zu sagen hat. Mit dem weiblichen Geschlecht in Verbindung gebracht wird das noch einmal heikler, gern spricht man hier gleich von hysterischem Verhalten.

Richtig: Frauen sind per se die Emotionaleren. Hystéra, im Griechischen die Gebärmutter, ist nun einmal ein weibliches Organ; und so wurde der Begriff dissoziative Störung, in der Fachsprache der Psychologie, als übertriebene Nervosität und Erregbarkeit in der Umgangssprache eher der weiblichen Empfindungswelt zugeschrieben.

Warum wir uns gegen Gefühle stellen…

Ein Klischee – und eine Abwehrreaktion von allen, die sich vor Gefühlen eher fürchten, weil sie weniger kontrollierbar sind und somit ein Risiko darstellen. Wer möchte schon verwundbar sein im Businessdschungel? Hier gilt es, ein starker Tiger oder Löwe zu sein, mutig und entschlossen – und mit Biss. Das ist gewünscht. Aber bitte nicht die Angst, Unsicherheit, Irritation, Wut oder gar Verzweiflung fühlen oder gar zeigen. Demnach macht uns emotionales Sprechen zu Verlierern.

Gefühle haben und Gefühle zeigen sind zwei paar Stiefel. Das denken viele. Oder Gefühle sind erlaubt nach 18 Uhr, wenn man das Drehkreuz der Firma verlassen hat. Die Konsequenz: Man trainiert sich die Gefühle ab, verdrängt sie, schaltet sie ab. Über Jahre hinweg geht auf diese Weise wahre emotionale Verbindung zu sich selbst verloren. Gefühle auf Knopfdruck? Tja das wär‘s… kontrollierbar und sicher.

… und warum genau das falsch ist

Aber sind nicht gerade unsere Gefühle das, was uns menschlich und individuell macht? Unser Temperament, unsere Emotionalität? Beide transportieren sich durch unser Verhalten und durchs Sprechen.

Öffnen wir nicht Ohr und Herz durch den emotionalen Ton des Sprechers?

Stimmen, aus denen nur kalte Sachlichkeit ertönt, sind Stimmen, die uns kaum bewegen, fesseln oder gar beruhigen.

Wenn es gelingt, in die noch so nüchterne Darstellung diverser Sachtexte einen Funken Leben einzuhauchen – ob Töne der Begeisterung, des Humors, der Ernsthaftigkeit – und wenn es gelingt, den persönlichen Standpunkt klar zu machen, den der Sprecher hinter diesem Text fühlt, dann erwacht der Text zum Leben und wird dadurch anschaulicher.

Wie emotionales Sprechen wirkt

Wie Worte Bilder und Stimmungen entstehen lassen, so unterstützt der entsprechende Ton das gesprochene Wort und erweckt es vollständig zum Leben und haucht ihm Wahrhaftigkeit ein.

Denn der Ton, noch mehr als das Wort selbst, läuft über den Atem. Ist der Atem bewegt, in motion, weil der Sprecher angebunden ist an seine Emotion, wird auch der Ton, die Melodie viel reicher und bunter mitschwingen. Eine Lebendigkeit und Fülle wird den Ton begleiten, der das gesprochene Wort trägt und schwingen lässt. Dieses Ergebnis transportiert sich zum Ohr des Hörers. Und weil der Ton bewegt ist, wird auch der Hörer bewegt! Jetzt wird es möglich, das Gegenüber nebst inhaltlicher, sachlicher Ebene auch noch auf einer zweiten Ebene zu erreichen: Nämlich auf der emotionalen Ebene. Dadurch verdoppelt sich die Möglichkeit des Erinnerns, denn der Eindruck, der entsteht, wird sowohl rational als auch emotional in den Hörer dringen.

Wie Sie die Potenziale Ihrer Stimme voll nutzen

Leben Sie in motion, sprechen Sie in motion. Beides hängt kausal zusammen. Wenn es Ihnen gelingt, dass Ihre Inhalte transparent werden, wenn das gesprochene Wort sich durch Ihren persönlichen Standpunkt nährt, durch Ihr Gefühl, das dahintersteckt, dann erleben Sie sich selbst viel verbundener und komplexer – und der Zuhörer bekommt ein Bild vom Thema und zugleich von Ihnen als Sprecher.

Und da wir ja nicht nicht kommunizieren können, so der Wissenschaftler Paul Watzlawick, bekommt der Zuhörer natürlich auch dann ein Bild von Ihnen bzgl. all dessen, was ausgelassen ist, was fehlt, nicht spür- und hörbar wird. Das Resultat ist ein womöglich flacheres, trockeneres und fahleres Bild – falls er gar noch nicht abgedriftet oder eingeschlafen ist.

Der Ton(fall) macht die Musik

Die paraverbalen Sprechausdrucksmittel sind ein wesentlicher Aspekt von einer lebendigen und spannenden Sprechweise.

Im authentischen Falle setzen wir sie unbewusst ein. Die Töne und die Melodie, die Betonungen, die Pausen. Sie geschehen automatisch, also unbewusst. Das Gesamtbild, die Symphonie der einzelnen Ausdrucksmittel, sind wir verbunden mit unserer Emotionalität, ist ein natürliches und selbstverständliches Ergebnis. Wenn wir im Alltag Geschichten erzählen, beeindruckt sind etc., dann passiert das automatisch.

Treten wir hingegen mit fremden Texten vor bzw. halten wir Sachvorträge oder werden wir gar gezwungenermaßen verpflichtet zu sprechen, dann verlieren wir diese Anbindung und fangen an, künstlich zu gestalten. Oder leiern schlimmstenfalls monoton, d.h. auf einem Ton, herunter.

Beides eine schlechte Wahl. Denn: Wer monoton spricht, spricht seine Hörer in Trance und verliert binnen kürzester Zeit die Aufmerksamkeit.

Das Einsetzen von paraverbalen Sprechausdrucksmitteln will geübt sein. Hört man hier die Technik bzw. die Absicht heraus, dann klingt der Text pathetisch, gewollt, gemalt; alles andere als authentisch. Der Text verliert dann an Bedeutung.

Jede Technik muss so stark inkorporiert sein, dass man sie nicht wahrnimmt. Das Ziel muss sein, den wahren Gedanken auszudrücken. Denn bei jeder Geschichte – wie bei jedem Sachtext – geht es um den Sinn, um die Message, die im oder hinter dem Text steckt. Und Ihre Verbindung zu diesem Text, Ihre Haltung dazu, weil Sie den Text sprechen und nicht Herr/Frau Müller.

Sind Sie ausschließlich nur Überbringer der Nachricht und soll Ihre persönliche Haltung hierzu nicht transportiert werden, gilt es ausschließlich den Sinn des Textes zu transportieren.

Zentrale Tools für den richtigen Ausdruck

Unser Ausdruck folgt bestimmten Mustern. Ob nun emotionale, authentische Gestaltung, ob selbst bewegt oder unter Einsatz von paraverbalen Sprechausdrucksmitteln, sind die folgenden sieben die wichtigsten Ausdruckstools:

  1. Betonungen
  2. Pausen
  3. Sprechtempo und Rhythmus
  4. Klangfarbe
  5. Artikulation
  6. Lautstärke, Sprechvolumen
  7. Sprechtonlage.

Alle diese Möglichkeiten, Ihren Text lebendig zu machen, funktionieren nur, wenn der Sinn klar erarbeitet ist. Betonungen etc., die nicht zur gleichen Zeit gedacht bzw. gefühlt sind, wirken so hohl wie schlechtes Theater.

Emotionales Sprechen birgt enormes Potenzial

Ich glaube, dass der ehrliche Zugang zu den eigenen Gefühlen eine authentische, lebendige, vielfältige und eindrucksstarke Sprechleistung auf einzigartige Weise ermöglichen. Außerdem sind Emotionen ein wunderbarer Katalysator um das, was Sie sagen, zu Besonderem zu machen. Emotionen sind Ausdruck Ihrer Energie und Ihrer Kraft: Wer sie gezielt einsetzen kann, kann mehr bewerkstelligen als bloße Informationsweitergabe – emotionales Sprechen bewirkt wesentlich mehr.

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